Warum du willkommen bist, während Sie hier nicht mehr bedient werden

In den letzten Jahren habe ich mich auf dieser Website dauerhaft mit einem Problem der deutschen Sprache aufgerieben. Aber das ist jetzt vorbei.

„Du, Frau Müller, macht du mal bitte eine Kasse auf?“ – Ich weiß nicht, warum der Supermarkt das erste Szenario ist, das mir einfällt, wenn ich über die Spannung zwischen den verschiedenen Anreden in der deutschen Sprache nachdenke. Wie ich im Rahmen dieses Beitrags herausfand, wird dieses Konstrukt auch als Münchener Du bezeichnet. Im krassen Gegensatz zum noch bescheuerter anmutenden Hamburger Sie.

Diese beiden Sonderformen und die Tatsache, dass es dazu eigene Wikipedia-Seiten gibt, zeigen schon, dass wir mit viel Mühe etwas verkompliziert haben, was für uns Menschen sehr einfach und natürlich sein sollte: die Kommunikation untereinander.

Als ehemaliger Besucher eines Deutsch Leistungskurses fühle ich mich dazu genötigt, dieses Dilemma wenigstens einmal mit der korrekten Bezeichnung der pronominalen Anredeform zu bezeichnen. Diese stellt uns immer wieder vor unangenehme Situationen und schafft Probleme, wo keine notwendig sind.

Aber warum das Ganze? In der Vergangenheit hat sich die Art und Weise, wie Menschen einander angesprochen haben, mehrfach geändert. Meistens hing es mit Hirachien und dem Absetzen vom gemeinen Pöbel zusammen. Übrig geblieben sind irrelevante Adelshäuser und Hindernisse in der Kommunikation.

Herausforderungen im Betexten von Websites

Gerade für uns Webschaffende stellt diese Situation gelegentlich ein größeres Problem dar. Und zwar immer dann, wenn eine Website den Besucher zwar anspricht, die Zielgruppe aber breit gefächert ist.

Diese Website zum Beispiel richtet sich in erster Linie an potentielle Kunden. Das kann der kurz vor der Pensionierung stehende Marketingleiter genauso sein, wie die 25-jährige Teamleiterin in einem Startup. In Person würde ich den einen siezen und die Andere auf Anhieb vermutlich duzen, sofern sie mich nicht direkt mit einem »Sie« auf Distanz halten würde. Jetzt gibt es diese Website aber nur einmal und ich plane nicht, hier einen Sprachschalter für verschiedene Anreden zu integrieren.

Sprachumschalter: English, Deutsch Du, Deutsch Sie
Will niemand: unnötige Komplexität

Dazu kommen im Web noch weitere Probleme. Wie übersetzt du »you« aus dem Englischen? In vielen Fällen mag dir das auf Anhieb klar sein, aber im Grenzfall wird beides irgendwie unangemessen klingen. Wer fühlt sich dann auf den Schlips getreten, wenn er oder sie nicht mit der standesgemäßen Anrede begrüßt wird?

Aus Conversion-Sicht ist die direktere Ansprache meistens die bessere. Aber das Du ist eben nicht immer angemessen. Ein Vermögensverwalter wird in den meisten Fällen das Sie wählen, ein Energy-Drink eher das Du.

Aber was mache ich mit meiner undefinierten Zielgruppe? Die sichere Variante wäre es überall zu siezen. Aber im Blog, gerade bei Fachartikeln wäre das wiederum sehr merkwürdig. Sollte ich auf der Website siezen und im Blog duzen? Es wird nicht weniger merkwürdig.

Ich kann mich nicht erinnern dir das »Sie« angeboten zu haben

IKEA spricht Kunden und Mitarbeiter konsequent mit du an und begründet das mit seinen schwedischen Wurzeln. Denn dort – wie in vielen Sprachen – gibt es keine Unterscheidung in der Anrede. Deutsch und Japanisch sind die einzigen mir bekannten Sprachen, die mehr als eine pronominale Anredeform kennen.

Auch in den meisten Bistros, Straßencafés oder im Fitnessstudio sucht man »sie« vergebens. Sie scheinen mit dem Du dort ganz gut zu fahren und verfallen höchstens im konkreten Einzelfall ins Sie.

Wie ich das hier zukünftig handhabe

Nach und nach werde ich alle Inhalte auf dieser Website komplett aufs Duzen umstellen. Sprache und Konventionen ändern sich nun mal und gerade mit einer etwas undefinierten Masse an Lesern (wie habe ich dich gerade genannt?) ist das eine Komplikation, die ich gerne vermeiden würde. Neidvoll las ich in der Vergangenheit Texte auf englischsprachigen Agenturseiten und überlegte auch schon mehr als einmal hier die Sprache zu wechseln. Aber ich möchte mich nicht angsthäslich vor dem Problem drücken. Schließlich könnte ich sonst keine Begriffe wie »angsthäslich« konstruieren.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich für einen potentiellen Kunden ein Problem ist. Wenn du dich davon also angegriffen fühlst, und deswegen eine Zusammenarbeit in den Wind schreibst, sind Sie eine Heulsuse und ich möchte Ihnen nahelegen sich jemand anderen zu suchen.

Schließlich breche ich auch nicht vollständig aus einer Konvention aus oder tue ansonsten etwas ausgesprochen rebellisches. Wie schon angerissen, ändert sich Sprache nunmal. Bis ins 20. Jahrhundert wurde (auch außerhalb von Berlin) noch geerzt und bis heute wird angeblich in einigen merkwürdigen Ecken dieser Republik noch geihrzt. Ich reduziere für mich hier einfach die Komplexität und rufe dich dazu auf, es mir gleich zu tun.

Sprachumschalter: English, Deutsch Du, Deutsch Sie, Deutsch Er, Deutsch Ihr
Will erst Recht niemand: übermäßige Komplexität

Ich werde das nicht in Kundenprojekten militant durchzusetzen, wenn es nicht passt oder nicht gewünscht ist. Aber ich werde zukünftig wenigstens einmal kurz die Diskussion auf dieses Problem lenken, sofern es angemessen ist.

Schicken Sie mir gern Ihre Meinung per Mail.

Portraitfoto Andreas Dantz

Andreas Dantz

Andreas ist Designer und Berater für Digitales und ist spezialisiert auf Designsysteme & Apps.

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