Öffentliche Styleguides und alte Männer in der Umkleidekabine

Öffentliche Styleguides sind eine gute Sache. Warum es besser ist, mit dem Styleguide aus dem Verborgenen zu treten.

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Mit Anfang 30 stecke ich mitten in einer Transformation, die offenbar die meisten Männer durchmachen. Wenn ich an die ersten Ausflüge ins Schullandheim oder auch nur den Schulsport zurückdenke, dann war die Situation in den Umkleidekabinen relativ angespannt und die meisten Anwesenden waren sehr stark darauf bedacht sich nicht zu zeigen. Durch den regelmäßigen Sport der letzten Jahre konnte ich beobachten, dass diese Hemmungen mit dem Alter fallen.

Comic, der junge Männer in der Umkleide zeigt, die sehr darauf bedacht sind, sich mit Handtüchern zu verhüllen und dann alte Männer, die sehr offen mit ihrer Nacktheit umgehen inklusive einem, der seinen Intimbereich föhnt

Was Websitebetreiber von alten Männern in der Umkleidekabine lernen können

Aber was hat das alles mit Styleguides zu tun?

Ich habe in der jüngeren Vergangenheit an einigen Projekten gearbeitet, bei denen Styleguides und Patternlibraries zum Einsatz kamen. Leider stieß ich dabei häufig auf Gegenwehr, wenn es darum ging, diese öffentlich zugänglich zu machen. Das ist nicht weiter verwunderlich. In diesem Moment ist der Styleguide für den Kunden oder Projektleiter noch ein ein junges Geschöpf und sehr darauf bedacht, nicht zu viel von sich zu zeigen. Vielleicht aus eigener Unsicherheit, vielleicht weil die eigene Entwicklung noch nicht ganz so weit ist, wie sie oder er es gern hätte. Aber auch einem Styleguide kann niemand etwas weggucken.

Gleichzeitig gibt es unzählige Gründe, das Handtuch der Scham fallen zu lassen. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass ein Styleguide fast immer veröffentlicht werden sollte und sich nahezu alle Argumente dagegen sehr leicht zerstreuen lassen.

1. Was könnte passieren?

Statt der Frage „Warum sollten wir?“ stellt sich mir erstmal die Frage „Warum sollten wir nicht?“

Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Jemand anderes könnte sich die Darstellung zu eigen machen und daraus einen eigenen Styleguide ableiten oder die Gestaltung sogar direkt kopieren.

Nun ist es allerdings nicht so, dass dies ohne Styleguide nicht auch ginge. Wenn die Gestaltung der eigenen Buttons, Texte, Zitate oder Formularkomponenten anderen gefällt, werden diese über kurz oder lang von anderen nachgeahmt oder sogar direkt kopiert. Dagegen lässt sich schon in anderen Branchen wenig machen. Im Netz, wo der Quellcode der Oberflächen frei zugänglich ist, noch viel weniger. Außerdem werden sich die wenigsten Nachahmer die Mühe machen, eine Kopie gemäß Styleguide aufzubauen sondern einfach direkt die Fertige Seite kopieren.

Am inspirieren lassen und Abgleichen mit anderen Styleguides kann ich dagegen nichts schlechtes finden. Damit sind wir schon beim nächsten Punkt:

2. Was ich sage, nicht was ich tue

Jeder der seinen eigenen Styleguide schreibt, hat sich vorher vermutlich mindestens ein, zwei andere angeschaut. Warum auch nicht? So lassen sich Ideen für die Aufbereitung, Umfang und Art der Elemente überfliegen und auch absehen, was man anders machen möchte, könnte oder muss.

So wird die eigene Arbeit einfacher und damit günstiger, weil die Recherche danach, was für den eigenen Styleguide wichtig und richtig ist schneller geht. Wenn also alle so denken würden, und ihre Styleguides im dunklen Keller einschließen, würden sich gute Ideen langsamer verbreiten und das Erarbeiten sinnvoller Strukturen sehr viel mühsamer gestalten.

Zugegeben, das hilft dem eigenen Projekt nicht mehr, aber das Netz und seine Entwicklung leben davon, dass diejenigen, die etwas dazu beitragen, es mit anderen teilen. Der Open-Source-Gedanke zieht sich von Serversoftware über Entwicklungsframeworks bis zu Front-End-Komponenten.

Screenshot der Startseite von Primer, dem GitHub-Styleguide

Jetzt aber genug von den Hippie-Argumenten, kommen wir zu den knallharten wirtschaftlichen Faktoren:

3. Leichtere Zusammenarbeit

Ein Styleguide lebt davon, dass er von allen Beteiligten gelebt wird. Jeder sollte jederzeit schnellen Zugriff darauf haben und er sollte dauerhaft weiterentwickelt werden. Jede noch so kleine Hürde legt dem Steine in den weg.

Der Styleguide sollte außerdem an genau einer Stelle bestehen und nicht hinter verschlossenen Türen herumgereicht werden. Sonst besteht die Gefahr, dass an verschiedenen Stellen verschiedene Stände in Betrieb sind.

Selbst ein Passwort vor diesem zentralen Stand kann bei einem Designer oder Entwickler den Unterschied bedeuten zwischen reinschauen und es aus der Erinnerung so zu machen, wie immer. Besonders, wenn nur mal eben schnell eine kleine Änderung eingebaut werden soll.

4. Einfacheres Recruiting

Was ich jetzt schon von mehreren großen Firmen gehört habe, dass der Styleguide dabei helfen kann, neue Entwickler und Designer ins Boot zu holen.

Der Styleguide zeigt, dass in einem Unternehmen strukturiert gearbeitet wird und klare Vorgaben für die Weiterentwicklung der Anwendung oder Website herrschen und eine Basis für vernünftige, teamübergreifende Zusammenarbeit geschaffen wurde.

Gleichzeitig kann der Styleguide auch direkt als Basis für das Finden neuer Mitarbeiter genutzt werden. Der Styleguide wird in der Regel von anderen Fachleuten aufgerufen. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die daher ihre Stellenausschreibungen (auch) auf ihren öffentlichen Styleguides und Entwicklerdokumentationen veröffentlichen.

5. Medienwirksam

Der Hauptgrund, warum meines Erachtens eher die Frage „warum nicht?“ beantwortet werden müsste: im schlimmsten Fall, sieht den öffentlichen Styleguide niemand. Die Chancen stehen aber ganz gut, dass das nicht so ist. Über Styleguide-Sammlungen, Blogposts oder andere Artikel werden früher oder später Besucher ihren Weg zum Styleguide und damit auch zu der Seite finden, die daraus resultiert. Wenn sie das Unternehmen dabei noch mit etwas Positivem verbinden, weil dieses Wissen und Erkenntnisse teilt, ist das sicher auch nicht zum Nachteil.

Mailchimp Styleguide
Mailchimp hat mit dem eigenen Styleguide und der Voice & Tone-Website durchaus Wellen in der Entwicklercommunity geschlagen

6. Einbindung von Kunden und Nutzern

Gerade für Anwendungen oder größere Portale ist es ein guter Weg, den ganzen Prozess zumindest in Teilen früh zu veröffentlichen, um die eigenen Besucher und Nutzer bei der Neugestaltung besser mitzunehmen und gegebenenfalls schon früh erste Rückmeldungen zu bekommen.

Der Großteil der Nutzer steht Veränderungen immer skeptisch gegenüber, weil der alte Zustand vertraut ist. Durch das frühzeitige Veröffentlichen und evtl. sogar erklären von Veränderungen, kann eine Umstellung etwas abgefedert und für die Nutzer weniger heftig erfolgen.


Es gibt sicher noch eine Reihe weiterer Gründe, warum es eine gute Idee ist, seinen Styleguide mit der Welt zu teilen und sicher auch ein paar Gründe dagegen. So ist es zum Beispiel ein größerer Aufwand einen solchen Styleguide so aufzubereiten, dass er öffentlich vorzeigbar ist. Gerade bei Unternehmen mit sehr vielen verschiedenen Personen, die an dem Endprodukt arbeiten, ist dieser Punkt meist auch direkt wieder hinfällig. Hier muss der Styleguide ohnehin so aufbereitet werden, dass er sehr zugänglich ist.

Also, lasst das Handtuch fallen. Es passiert wahrscheinlich nichts schlimmes.

Wenn dir noch weitere Gründe für oder gegen einen öffentlichen Styleguide einfallen, dann lasse sie mich wissen.

Portraitfoto Andreas Dantz

Andreas Dantz

Andreas ist Designer und Berater für Digitales und ist spezialisiert auf Designsysteme & Apps.

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